Heute, am 30.03.2008 – merkwürdigerweise korreliert dieses Datum auf fast schon bizarre Art und Weise mit dem Todesdatum Mays am 30.03.1912 – muss ich das Babel & Bibel – Projekt 2008, d.h. die geplante Neuinszenierung an den Karl-May-Stätten Radebeul bei Dresden und Hohenstein-Ernstthal im Rahmen der 44. Internationalen Schacholympiade vom 12. bis 25.11.2008 in Dresden, als gescheitert ansehen. Eine fast zweijährige von Idealismus und viel Fleiß getragene Vorarbeit scheitert an den – wie sollte es auch anders sein – Finanzen und dem Willen der Verantwortlichen an den Aufführungsorten.
Soweit die Fakten, doch wie kam es dazu? Hier nun ein Bericht über den Verlauf, die Entwicklung, die Bemühungen und das Scheitern des Vorha-bens. Dieser Bericht verfolgt nicht das Ziel, anzuklagen oder Beschwerde einzulegen, er soll lediglich dokumentieren und die Ereignisse in schriftlicher Form niederlegen.
Am 21.06.2005 gelangte Karl Mays 1906 geschriebenes einziges Drama „Babel & Bibel“ in der kleinen Stadt Hachenburg im Westerwald zur Uraufführung. Ein Schülerensemble, bestehend aus Schülern der Abschlussklassen der Graf-Heinrich-Realschule inszenierte und führte das bisher von allen deutschen Bühnen geschmähte Stück mit großem Erfolg auf. Das Interesse an der Uraufführung, vor allem auch in Karl-May-Kreisen, war enorm, das Vorhaben wurde vor allem auch im Internet in diversen Foren deutschlandweit diskutiert und besprochen. Sogar der Süd-West-Rundfunk brachte einen zirka fünfminütigen Bericht in der Landesschau im Fernsehen.
Bei der Uraufführung zugegen waren Besucher aus allen Teilen Deutsch-lands, unter anderem auch der damalige Pressewart der Karl-May-Gesellschaft
Einige Wochen danach rief mich Herr Lothar Schmid, der Leiter des Karl-May-Verlags in Bamberg, an, erzählte von der 2008 geplanten internationalen Schacholympiade und fragte, ob es uns möglich sei, Babel & Bibel erneut – im Rahmen dieser Olympiade – aufzuführen. Er wolle uns dafür eine Aufführungsmöglichkeit in Radebeul – der Stadt, in der Karl May gelebt und gearbeitet hat – an den Landesbühnen Sachsen besorgen.
Überwältigt von diesem Angebot und der Möglichkeit auf einer großen, professionellen Bühne spielen zu können, sagte fast die gesamte Theatergruppe zu und man ging in die Planung. Die Anforderung war, das im Stück vorhandene Schachspiel besonders hervorzuheben und zu betonen, sodass die Beziehung zum Schachspiel als solche deutlich wurde. Dies sollte auf folgendem Wege erreicht werden: Parallel zur Handlung sollte ein überdimensioniertes, dreidimensionales Schachbrett als Computersimulation über die Handlung gesetzt werden, auf dem dann eigens für das Stück entwickelte Schachzüge die Handlung des Stückes widerspiegeln sollten.
Ein rundes Vierteljahr arbeitete ich an der Texteinrichtung, legte Besetzungen fest oder besetzte um, holte immer mehr interessierte Jugendliche ins Boot, aber auch einige Erwachsene kamen zur B&B-Projektgruppe 2008 hinzu. Mit Herrn Schmid stand ich in regelmäßigem telefonischem Kontakt, er führte Gespräche mit Vertretern der Stadt Dresden, der Landesbühnen Sachsen, des Deutschen Schachbundes, usw. Alles schien begeistert von der Idee und sagte seine Unterstützung zu.
Doch je näher der Termin der Aufführungen, der dann auf den 21. und 22.11. 2008 festgelegt wurde, rückte, desto mehr nahmen die Verantwortlichen ihre Aussagen bzw. bisherigen Zusagen zurück. Und da bisher viele Zusagen auf mündlicher Basis gegeben worden waren, war ein Rücktritt weniger schwierig, denn, was kümmerte die Herren schon ihr dummes Geschwätz von vorgestern.
Meine ursprüngliche Forderung, dass wir auf eine Gage verzichten wollten, wenn wir dafür die Überfahrt, die Kosten für Bühnenbau und Kostüme, sowie Kost und Logie vor Ort frei hätten, gestaltete sich zunehmend schwieriger. Plötzlich hatte niemand mehr Geld für ein solches Projekt, weder das Komitee der Schacholympiade, noch die Stadt Dresden, noch der Deutsche Schachbund. Sponsoren wurden angefragt aber keiner schien zu einer Förderung des Projektes bereit.
Anfang diesen Jahres (2008) besuchte ich dann persönlich die Landesbühnen Sachsen, wo man mir aufgrund eines angeblichen Missverständnisses die für das Stück vorgesehene Probebühne zeigte, die meines Erachtens nach für Stück und Zuschauer nicht zumutbar war. Und jetzt kam das nächste Problem auf mich zu. Wenn wir auf die große Bühne wollten müssten wir für einen Tag Nutzung 10.000 Euro bezahlen. Hinzu kam, dass der bisher avisierte erste Termin, der 21.11, wegen einer Terminaufführung nicht mehr frei war, somit für uns nicht in Frage kam.
Der Intendant der Landesbühnen Sachsen, Herr Wanschura, tat sein Möglichstes, allerdings war er auch an seine Verwaltungsvorschriften gebunden, da das Theater in Trägerschaft des Landes Sachsen steht.
Nun holte ich nach einigem Bemühen einen weiteren Aufführungsort ins Boot, nämlich die Karl-May-Geburtsstadt Hohenstein-Ernstthal. Nach Telefonaten mit dem Kulturamt, das zunächst von der Idee sehr begeistert schien, und bereits einen Aufführungsort benannte, nämlich das dortige Schützenhaus, schien die Tournee zunächst gerettet.
Wir fragten darüber hinaus bei der sächsischen Ministerin für Wissenschaft und Kunst Frau Dr. Eva Maria Stange an, ob sie nicht die Schirmherrschaft übernehmen und uns die Möglichkeit eröffnen würde, auf der großen Bühne der Landesbühnen Sachsen umsonst zu spielen, da es sich ja immerhin um ein Stück ihres großen Heimatdichters und Schriftstellers Karl May handele.
Wir argumentierten darüber hinaus mit der großen pazifistischen Botschaft des Stücks, nämlich der Aussöhnung des Christentums mit dem Islam, welches eine friedliche Koexistenz der beiden großen monotheistischen Religionen – eine „abrahamitische Ökumene“ – als bestmögliche Lösung des Konflikts vorschlägt, der durch Al Quaida und andere islamische Terrornetzwerke eine hoch politische und extrem aktuelle Brisanz bekommt.
Doch die Ministerin lehnte die Schirmherrschaft ab. Hinzu kam, dass Hohenstein-Ernstthal nach einigen Wochen des Schweigens ebenfalls absagte, mit der Begründung, man habe Angst, bei einem so speziellen Stück nicht genügend Zuschauer zu bekommen.
Wiederum legte sich Herr Wanschura extrem ins Zeug und bot uns nochmals an, das Stück an den beiden vorgesehenen Tagen auf der Probebühne zu bringen. Nach langem Überlegen musste ich dies jedoch ablehnen. Karl May in seiner Stadt auf die Probebühne zu bringen, ihn quasi in die „Abstellkammer“ zu schicken, war Art und Anlass des Stücks unwürdig. Darüber hinaus wird die Probebühne nur mit einfachen Stühlen im Zuschauerbereich ausgestattet, sodass eine knapp dreistündige Aufführung dem Zuschauer auf solchen Sitzen nicht zumutbar ist.
Abschließend blieb nur, die gesamte Sache abzusagen. Wenn man ständig mit dem Kopf gegen eine Betonwand rennt, wird man sich höchstens den Kopf blutig hauen, aber die Wand durchrennen wird man nicht können. Welche Bedeutung der Schriftsteller Karl May in seinen Heimatstädten erfährt, welche Achtung er erwiesen bekommt und wie man mit ihm umgeht, ist ein Schlag ins Gesicht des großen sächsischen Erzählers. Ich überlasse es jedem einzelnen daraus die weiteren Schlüsse zu ziehen.
Letzten Endes bleibt mir nur eins: Ich möchte mich bedanken, zunächst bei meiner Theatergruppe für ihren unermüdlichen Fleiß, ihren Einsatz und Idealismus, den sie im letzten Jahr diesem Stück und damit Karl Mays Erbe zuteil werden ließen. Bedanken möchte ich mich auch bei Herrn Wanschura, dem Intendanten der Landesbühnen Sachsen, der wirklich sein Möglichstes getan hat, uns zu helfen und zu unterstützen. Ihn trifft an allem keine Schuld. Ebenso bedanken möchte ich mich schließlich bei Herrn Lothar Schmid, dem Initiator des Projekts, ohne dessen unermüdlichen Einsatz, Wohlwollen und wichtige Beziehungen wir wahrscheinlich schon viel früher hätten das Handtuch werfen müssen. Wir haben den Kampf verloren, aber wir sind nicht verbittert, nur zu stolz um darum zu betteln, Karl Mays Stück noch einmal aufführen zu dürfen.
Deesen/Hachenburg, den 30.03.2008
Peter Wayand


